Tattoos gegen Gewalt – Color Clinic Leipzig

Tattoos gegen Gewalt in der Color Clinic Leipzig

Ihre Arme und Beine sind übersät mit verschiedenförmigen Narben. Es sind große und kleine, grobe und feine Kratzlinien, die mittlerweile alt, weiß, mal regelmäßig, mal unregelmäßig angeordnet sind. Jede einzelne Narbe selbst zugefügt.

Man sieht über Jahre entstandene Verletzungen, die von stummer Verzweiflung erzählen. Sichtbare Zeichen eines Zustands der emotionalen und psychischen Verfassung gepaart mit aussichtslos empfundener Hoffnungslosigkeit.

Täglich werden Menschen Opfer von körperlicher, sexuel-ler und seelischer Gewalt. Meist kennen sie die Täter. Es sind Partner, Eltern, Familienangehörige, Freunde oder Mitschüler.

Gewalt begegnet insbesondere Frauen. Allein in Deutschland erfährt ein Viertel aller Frauen zwischen 16 bis 85 Jahren mindestens einmal im Leben Gewalt, besagt die jüngst veröffentlich-te Studie für kriminalstatistische Auswertungen des Bundeskriminalamtes.

Die Gewalt hinterlässt Spuren in der Seele, häufig auch in und auf dem Körper. Viele dieser Frauen leben mit Narben, die sie täglich an erfahrene Gewalt erinnern. Um sowohl die körperlichen, als auch die seelischen Erinnerungswunden zu schließen, entschieden sich Tätowierer des Tattoo-Studios Color Clinic etwas für diese Frauen zu tun. Sie bieten Betroffenen das Überdecken ihrer Narben an: Tattoos gegen Gewalt! 

„Und als ich Anfang der achten Klasse für mich feststellte, dass ich mich zu beiden Geschlechtern emotional sowie sexuell hingezogen fühle, war es für mich erst recht der Horror in der Schule!“ 

Mich interessieren bei meiner Stippvisite vorrangig die Narben Cover-ups. Denn mit dieser Form des Übertätowierens entstehen jene Tattoos gegen Gewalt. 

Die Narben der Color Clinic-Kundinnen erstrecken sich teilweise über den gesamten Körper. Es sind Überbleibsel aus einem Teil der Vergangenheit, der vorwiegend weiblichen Kundschaft, an den sie nicht mehr täglich erinnert werden wollen. Auch Ruby hilft ihnen dabei: „Der Wunsch, Tätowiererin zu werden, entstand bei mir mit 12 Jahren, als ich zum ersten Mal ein Tattoo-Studio betrat, um mir ein Piercing stechen zu lassen. Seit diesem Tag wusste ich, dass ich Tätowiererin werden möchte und habe darauf hingearbeitet meinen Traum zu erfüllen. Ich zeichnete jeden Tag, sammelte Tattoo-Zeitschriften und malte Freunden Bilder auf die Haut. Tattoos wurden mein Lebensinhalt“, nimmt uns Ruby mit an die ersten eigenen Schnittstellen zur Körperkunst. 

„Wir haben bereits von Beginn an Motive auf Stellen mit Narben tätowiert, um so mit der Vergangenheit abschließen zu können. Dies betrifft jedoch nicht nur Gewalt, sondern auch Unfälle und ähnliches“, stellt Sven Reis fest. Und erklärt weiter: „95 Prozent der Kundschaft sind weiblich und es handelt sich bei den Narben häufig um Selbstverletzungen.“ Die Frauen beginnen im Studio über ihre schrecklichen Erlebnisse zu berichten, es ist jedoch meist das letzte Mal, dass sie über ihre Narben sprechen. Danach reden sie nur noch über ihre Tattoos. 

So wie die 26-jährige Sabrina Wende. Der gebürtigen Eilenburgerin ist in ihrem Fall keine körperliche Ge-walt widerfahren. Sie erlebte vorrangig psychische Gewalt durch „schreckliches Mobbing von meinen Mitmenschen und Mitschülern“.

Mobbing durch Ausgrenzung, Diebstahl und schlimme Beleidigungen. „Da ich schon immer gern schwarz getragen habe und eine ganz andere Musikrichtung hörte wie meine Mitschüler, haben sie mich ausgegrenzt. Und als ich Anfang der achten Klasse für mich feststellte, dass ich mich zu beiden Geschlechtern emotional sowie sexuell hingezogen fühle, war es für mich erst recht der Horror in der Schule. Dementsprechend habe ich, um mich selbst irgendwohin zu flüchten, mit der Selbstverletzung angefangen.“ 

Dieses selbstverletzende Verhalten fing bei ihr mit 13 Jahren als Schülerin an. Sabrina Wende sagt heute rückblickend: „Es passierte aus einer Dummheit heraus. Ich wollte wissen, ob es wirklich so befreiend ist, wie vergleichbare Opfer der seelischen Gewalt behaupteten. Im Nachhinein bereue ich es natürlich massiv, damit je angefangen zu ha-ben, weil dies auch eine Art Kreislauf gewesen ist. Du kommst da einfach nicht raus. Der Druck, den ich vorher spürte, war tatsächlich danach weg. Und da es so befreiend war, machte ich immer wieder weiter.“ 

Die Eltern der 13-Jährigen schauten in diesen Situationen einfach weg. „Sie haben die Rasierklingen gefunden und die Narben gesehen, jedoch nie nachgefragt oder je mit mir darüber Gespräche geführt. Ich war mit meinen Problemen allein, doch die Schulnoten haben nie da-runter gelitten. Meine mittlere Reife habe ich mit 1,6 abge-schlossen.“ 

Mit 16 zog die Teenagerin ohne ihre Eltern nach Roßwein bei Döbeln, um das Abitur nachzuholen. Kurze Zeit später wurde dieser Plan jedoch durchkreuzt. Mit 18 folgte die erste Burnout-Diagnose, gefolgt von einigen psychologischen Behandlungen bei verschiedenen Therapeuten. 

„Nach den Behandlungen zog ich zu meinem heutigen Ehemann nach Dresden, hatte dort viele verschiedene Minijobs und wurde ungeplant mit meiner ersten Tochter schwanger. Nach der zweiten Schwangerschaft ging ich freiwillig für einige Wochen in eine geschlossene Anstalt, weil der Druck um mich herum einfach zu groß wurde.“ 

Heute vermutet Sabrina Wende, dass ihre Eltern nicht über das Thema Selbstverletzung mit ihr sprachen, weil sie das einzige Kind war. „Ich bin ihr Wunschkind, nachdem meine Eltern eine Fehlgeburt hatten. Da waren sie umso glücklicher mich zu haben und wollten mich wohl nicht maßregeln.“ 

Gespräche diesbezüglich wurden erst dann geführt, als die zweifache Mutter mit 21 erneut in therapeutischer Behandlung war. „Jedoch war das schon zu spät“, stellt die Mutter und Ehefrau nachdenklich fest. Jetzt stehen ihre Kinder im Vordergrund, sie trägt Verantwortung. „Mein Mann gibt mir Halt, Vertrauen und Liebe, die ich so noch nicht kannte. Er hat mir immer und anstandslos, ohne mich zu hinterfragen, meine Arme verbunden. Hat nie etwas Abwertendes zu mir gesagt. Er war immer für mich da, auch wenn es nur zum Ausweinen war. Mein Mann ist der erste Mensch in meinem Leben, der mich nie verurteilte oder in Schubladen steckte.“ 

Sabrina Wende ist seit sechs Jahren verheiratet und bereits neun Jahre mit ihrem Mann zusammen. „Ich möchte heute nicht, dass es nochmal zu irgendeiner selbstverletzenden Situation kommt, in der irgendjemand meinen Töchtern erklären muss, warum ich an verschiedenen Stellen Narben habe und warum ich manchmal nicht zu Hause sein kann. Die Selbstverletzungen mussten aufhören.“ 

Die Folgen der Verletzungen waren primär Narben am linken Ober- und Unterarm, an den Oberschenkeln sowie beidseitig an den Knöcheln. „Das sind die Stellen, die am extremsten betroffen waren. Am schlimmsten der linke Oberarm, der war halt immer zur Verfügung. Als Rechtshänder hast du halt mehr Übung auf den linken Arm. Deshalb ist meine rechte Hand relativ verschont geblieben.“ Um diese Narben im Alltag vor ihren Mitmenschen zu verstecken, musste die Wahl-Dresdnerin mühsame Taktiken entwickeln, um nicht aufzufallen. 

„Im tiefsten Hochsommer bin ich mit Armstulpen oder Strickjacken herumgelaufen, damit es niemandem auffällt. Ich habe auch versucht, es mit Make-up zu kaschieren. Das hat aber keinen ernsthaften Erfolg gebracht.“ 

Oft hat die junge Frau deshalb dafür gesorgt, dass sie glaubwürdige Ausreden verfügbar hatte und nur schwarze Kleidung, ohne Beschriftung und Muster, trug. „Damit wäre ich nur noch angreifbarer gewesen, gemustert zu werden.“ Von nun an möchte sich die 26-Jährige nicht mehr verstecken. 

Sie ist eine von den Frauen, die durch ein Tattoo gegen Gewalt ihre seelischen und körperlichen Spuren verschwinden lassen wollte. Ein langersehnter Versuch, um zu vergessen. Schmerzhafte Erinnerungen zu etwas Schönem machen. 

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Die Color Clinic an der Antonienstraße 26 in Leipzig wurde 2015 von der Tätowiererin Ruby und Studio-Leiter Sven Reis gegründet. Alle Aufgaben, die nicht mit dem direkten Tätowieren zu tun haben, werden durch ihn erledigt und organisiert.

Über die Jahre ist die Clinic-Familie stetig gewachsen. Durch mittlerweile zehn aktive Künstler, können sie fast jeden Stil abdecken und bieten, neben herkömmlichen Tattoos, auch Cover-ups, Narben Cover-ups, Tattoo Laser Entfernungen und Piercings an. 

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